Gute Pflege ist anziehend

08.09.2021 - 08:40

Gute Pflege ist anziehend

Das aus den USA stammende Modell der Magnetkrankenhäuser etabliert sich langsam, aber sicher auch in Europa und Deutschland. Dabei im Mittelpunkt: Gute Arbeitsbedingungen für die Pflege und gute Pflege für die Patient:innen.

In den 80er-Jahren litten die USA unter einem landesweiten Pflegenotstand. Doch dabei fiel auf, dass nicht alle Kliniken gleichermaßen betroffen waren: Manche zogen trotz der allgemeinen Flaute weiterhin Pflegepersonal an – wie ein Magnet. Und auch die Patient:innenversorgung war in diesen Häusern überdurchschnittlich gut, was sich unter anderem in weniger Stürzen, Dekubitus, Infektionen und Dauerkathetern zeigte.

Die American Academy of Nursing (AAN) analysierte das Erfolgsrezept dieser Kliniken – und identifizierte 14 „Magnetkräfte“, die sie in fünf Bereiche unterteilte:

Transformationale Führung
Das bezeichnet Eigenschaften von Pflegeführungskräften, die vorbildhafte Wirkung auf ihre Mitarbeitenden ausstrahlen. Dazu gehören ausgeprägte kommunikative Kompetenzen und ein partizipatives Verständnis von Führung. Die Pflegeführungskräfte sind mit anderen Bereichen der Klinik vernetzt und besitzen unternehmensinternen Einfluss, um strukturelle Änderungen durchzusetzen.

Strukturelles Empowerment der Pflege
Die Pflege ist in Entscheidungen des Unternehmens aktiv eingebunden und gestaltet die Pflegepraxis eigenständig. Der Arbeitgeber bietet und fördert kontinuierliche Weiterbildung; die Pflege arbeitet auf Augenhöhe und wertschätzend mit anderen Berufsgruppen zusammen.

Exemplarische professionelle Praxis
Die Pflege arbeitet professionell und evidenzbasiert. Alle Mitarbeitenden verstehen ihre Rollen, Aufgaben und die angewandten Standards und können diese kommunizieren. Sie verantworten eigenständig Arbeitsbereiche, wie zum Beispiel das Wundmanagement.

Neues Wissen, Innovationen und Verbesserungen
Neues aus der Pflegeforschung fließt ständig in die Arbeit ein. Die Prozesse werden kontinuierlich an die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse angepasst. 

Empirische Outcomes
Sowohl die Mitarbeiter- wie auch die Patientenzufriedenheit und Arbeitsergebnisse werden regelmäßig analysiert und bewertet, um sich stetig zu verbessern.

 

Kulturwandel

Durch Studien wurde belegt, dass Mitarbeitende von Magnetkrankenhäusern zufriedener mit ihrem Arbeitgeber sind – und diesem auch länger treu bleiben. Sie weisen außerdem deutlich niedrigere Krankheitsstände auf. Und auch die Patient:innen von Magnetkrankenhäusern profitieren: Mortalitäts- und Komplikationsraten sind signifikant reduziert, genauso wie Behandlungsfehler und die Liegedauer. Der Fokus auf die Patientenorientierung ist ein zentrales Merkmal von Magnetkrankenhäusern – dies in den Mittelpunkt zu stellen, erfordert in vielen Häusern mehr als nur eine organisatorische Umstrukturierung: Der Weg zum Magnetkrankenhaus geht einher mit einem durchdringenden Kulturwandel.

Dieser betrifft auch das Verhältnis zwischen Pflege und Ärzt:innen und das Arbeitsklima. Pflegende aus Magnetkrankenhäusern beschreiben die Zusammenarbeit besonders häufig als „kollegial“ und „kooperativ“. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe scheint in diesen Kliniken deutlich häufiger und erfolgreicher zu funktionieren als in anderen Häusern. So können Magnetkrankenhäuser ein wichtiger Schritt zur Etablierung einer professionalisierten und in jeder Hinsicht aufgewerteten Pflege sein.

Der Weg zum Magnetkrankenhaus

Trotz aller Vorteile ist der Weg zum Magnetkrankenhaus lang und mitunter steinig. Erfahrungen zeigen, dass es zunächst zu einer größeren Mitarbeiterfluktuation kommen kann – nicht alle Pflegenden akzeptieren die neuen Aufgaben und Verantwortungen. Und auch die Finanzierung will gestemmt sein: die Akkreditierung, Studiengebühren und Fortbildungskosten für Mitarbeitende sowie Innovationen wie digitale Patientenakten erfordern einige Investitionen. 

In Zeiten des Pflegenotstands bleibt Stillstand jedoch womöglich das größere Risiko – denn eine Pflege, die für Mitarbeitende und Patient:innen gleichermaßen gut ist, kommt letztlich nicht nur dem einzelnen Haus zugute, sondern der gesamten Gesellschaft.

Magnet4Europe

Weltweit gibt es mittlerweile knapp 500 solcher Magnetkrankenhäuser. Die meisten von ihnen stehen in den USA, einige in Kanada, Neuseeland, Australien und im Libanon. In Europa ist bisher nur das Universitätsklinikum Antwerpen zertifiziert. Doch auch in Deutschland haben sich Kliniken bereits auf den Weg gemacht: zum Beispiel die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU), das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und die Universitätsklinik Freiburg streben aktuell den Titel „Magnetkrankenhaus“ an. Im Rahmen der Studie Magnet4Europe arbeiten 20 deutsche Krankenhäuser auf diesen Titel hin. 

www.magnet4europe.eu