Die neue Pflegeausbildung 2020: Jetzt heißt es gemeinsam Verantwortung übernehmen

05.11.2019 - 09:16

Die neue Pflegeausbildung 2020: Jetzt heißt es gemeinsam Verantwortung übernehmen

Nicht ohne Grund spricht Christine Vogler am Deutschen Pflegetag 2020 für die Pflege. Sie ist seit fast 30 Jahren in der Pflege tätig und kennt ihre Profession genau. In der Programmsäule „Pflegekompetenz“ wird sie gemeinsam mit anderen Referenten die neue Pflegeausbildung, die ab Januar 2020 in Kraft tritt, kritisch durchleuchten und in den größeren Kontext der Gesundheitsreformen setzen. Wir haben mit Frau Vogler über die neue Pflegeausbildung gesprochen. Ihr Credo in dieser Sache: Ohne Zusammenarbeit geht es nicht.
 

Was sind die wichtigsten Aussagen über die Generalistik zum Pflegeausbildungsstart 2020, die getroffen werden müssen? Was wird sich verändern?
Zuerst einmal: Die Pflege in Deutschland kommt nun endlich in die Situation, eine international anschlussfähige Ausbildung zu bekommen. Die Ausbildung wird dafür in ein generalistisches System umgestellt. Das heißt, dass grundsätzliche Strukturen verändert werden. Die Idee der Generalistik ist, dass alle Pflegeauszubildenden und Student*innen zukünftig alle pflegerischen Versorgungsbereiche in ihrer Ausbildung besuchen und durchlaufen werden. Es wird also erst einmal kein Schwerpunkt gesetzt, wie es bisher der Fall war. Das wiederum bedeutet, dass alle Versorgungsgebiete, wo Pflege stattfindet, von Anfang an gleichwertig während der Ausbildung betrachtet werden – sei es der ambulante Bereich, der Langzeit- oder Akutbereich, Krankhäuser oder Pflegeheime. Die Auszubildenden kriegen dadurch einen umfassenderen Einblick in das System der gesundheitlichen Versorgung. Und das ist ein wirklicher Paradigmenwechsel.

Wo sehen Sie mögliche Risiken der neuen Pflegeausbildung für die Zukunft?
Einige Schwierigkeiten entstehen gerade durch die Kompromisslösungen, die im Gesetz vorgehalten werden. Anfänglich hatten wir die Idee, eine generell generalistisch ausgerichtete Pflegeausbildung zu schaffen mit einer gemeinsamen Grundausbildung über drei Jahre und die darauffolgende Auffächerung in die unterschiedlichen Fachgebiete. Wir haben jedoch einen Kompromiss vorgelegt bekommen, bei dem die herkömmlichen Strukturen der Alten- und Kinderkrankenpflege noch einen Raum für die Spezialisierung erhalten. Bedingt durch diese Spezialisierungsmöglichkeiten entstehen jetzt aber gewisse Schwierigkeiten, die bereits in der Vertiefung die Umsetzung komplizierter machen.
Auch die Frage der Finanzierung ist nicht immer leicht zu klären, denn es besteht die Diskussion, wie viel in den Pauschalen verhandelt wurde und ob es am Ende für alle reichen wird. Auch hierbei stehen die Sonderregelungen im Konflikt mit der Generalistik: Welche Sonderwege werden wir anbieten können und wollen?
Wir müssen jetzt schauen, dass wir alle Auszubildenden durch alle praktischen Einsätze die das PflBG vorschreibt, bekommen. Denn nicht außer Acht gelassen werden darf die Tatsache, dass es in einigen Bereichen massive Engpässe gibt, zum Beispiel in der Pädiatrie, zum Teil in der Psychiatrie, aber auch in der ambulanten Versorgung gibt es Schwierigkeiten. Alle an der Ausbildung beteiligten Personen müssen gemeinsam Wege überlegen und im Gespräch sein, damit wir das neue Gesetz gut umgesetzt bekommen.

Die Generalistik ist bei vielen weiterhin durchaus umstritten: Was entgegnen Sie den Kritikern der Generalistik? Und was sagen Sie potenziellen Pflegeauszubildenden und Schülern, wenn diese sich überlegen, den Weg in die Pflege einzuschlagen?
Den Schüler*innen und Student*innen sage ich erst einmal: Ihr habt die richtige Wahl getroffen – toller Beruf! Grundsätzlich würde ich immer den Weg empfehlen, der das meiste Potenzial für Entwicklungen und Zukunftsaussichten bietet und der einem die meisten Optionen für die berufliche Karriere sichert. Und das ist ganz eindeutig Pflegefachfrau und Pflegefachmann. Außerdem würde ich keine Spezialisierung empfehlen, da man durch die Spezialisierung später einfach weniger berufliche Möglichkeiten hat und die Ausbildung außerdem nicht auf europäischer Ebene anerkannt ist.
Den Gegnern der Generalistik kann ich nur sagen: Wollt ihr nicht die Ungerechtigkeit bekämpfen? Wir haben heute ein ungerechtes System der Pflegeausbildungsabschlüsse in Deutschland. Wir haben die Situation, dass die Bereiche unterschiedlich bewertet werden – nicht durch die Pflegenden, aber durch die Strukturen selbst. Diese Ungerechtigkeiten des Systems was bspw. die Wertschätzung und die Bezahlung angeht, werden durch die neue Pflegeausbildung aufgelöst.
Die neue Pflegeausbildung wird den Bedürfnissen der Auszubildenden und der Pflege selbst auf lange Sicht gerechter. All das wird den Beruf und den Stolz der Pflege stärken und ein neues Bewusstsein für die Profession Pflege schaffen. Und das sind für mich gute Gründe, der neuen Pflegeausbildung positiv entgegenzutreten.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Ausbildungsstätten selbst?
Den Praxisträgern wurde jetzt viel Verantwortung in die Hände gelegt, da die gesamte praktische Ausbildung nun in ihrem Verantwortungsbereich liegt. Wir müssen deshalb gemeinsam über neue Wege sprechen, die die Verbindung zwischen den Schulen und den Praxispartnern neu definieren.
Den Lehrenden, die die alten Strukturen und Perspektiven noch verinnerlicht haben, muss es nun gelingen, keine Wertung der einzelnen Felder vorzunehmen. Und das schaffen sie nur, wenn sie ein Stück die eigene Perspektive ihrer Profession ablegen, damit wir eine Horizonterweiterung im Sinne der verschiedenen Versorgungsformen sicherstellen können. Den Lehrenden muss es gelingen, den Schüler*innen die Gleichwertigkeit der pflegerischen Versorgung zu vermitteln und einen Unterricht zu schaffen, der die Schüler*innen befähigt, in allen Fachgebieten mit einer Grundlagenhandlungskompetenz bestehen zu können.
Den Anleitenden in der Praxis muss klar sein, dass die Auszubildenden erst einmal weniger aus ihrem Fachgebiet wissen und angeleitet werden müssen. Hier gilt es nun, die praktische Ausbildung gemeinsam zu leben und zu erlernen. Ich denke, dass das zu einem grundlegenden neuen Verständnis in der Profession führen wird, bei dem es heißt: Gemeinsam Verantwortung für den Nachwuchs übernehmen – und zwar in allen Bereichen.

Sichern Sie sich jetzt Ihr Ticket!

Und verpassen Sie keinen spannenden Vortrag.

Christine Vogler

Über Christine Vogler
Christine Vogler ist seit dreißig Jahren im Gesundheitswesen tätig. Als gelernte Pflegepädagogin und Gesundheits- und Krankenpflegerin war sie zuletzt als Schulleiterin der Pflegeschule des Wannsee-Schule e.V. tätig, bis sie 2019 pädagogische Geschäftsführerin für den Bildungscampus der Charité und des Vivantes wurde. Neben ihrer Tätigkeit als pädagogische Geschäftsführerin ist sie in zahlreichen Verbänden aktiv, unter anderem als Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates (DPR e.V.) und als stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Lehrender für Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS e.V.). 

*Auf Wunsch von Christine Vogler wird in diesem Text eine gendersensible Schreibweise verwendet. Es werden entweder geschlechtsneutrale Bezeichnungen gebraucht (z.B. Mitarbeitende) oder auf die Schreibweise durch Sternchen zurückgegriffen (z.B. Büger*innen).