24.01.2020 - 13:10

„Den Palliativgedanken ins Pflegeheim tragen“

Immer mehr Menschen sterben in Pflegeheimen. Die Pflegenden werden mit dieser Veränderung oft alleingelassen. Um sie bestmöglich zu unterstützen, hat der Förderverein für Palliative Patienten-Hilfe das „Expertenteam Palliative Pflege (EPP)“ ins Leben gerufen.

Ein Interview mit Volker Klug – Vorstandsmitglied des Fördervereins:

Herr Klug, sind stationäre Pflegeeinrichtungen heute ausreichend vorbereitet, eine gute palliative Versorgung zu leisten?

Das ist eine Frage des Anspruchs. Die vorbildgebende palliative Betreuung eines Hospizes ist im Heim wohl nicht zu erreichen – dort arbeiten bis zu viermal mehr Pflegende. Hinzu kommt, dass in Krisensituationen häufig kein Haus- oder Facharzt erreichbar ist. Deshalb gehen Pflegende lieber auf Nummer sicher und rufen im Zweifelsfall den Notarzt oder den Rettungsdienst. Damit kommt es meist zur Einlieferung ins Krankenhaus, was für Schwerstkranke und Sterbende eine besondere Belastung bedeutet.

Sie haben in den Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises vor einem Jahr ein Expertenteam Palliative Pflege, kurz EPP, eingeführt. Welche Aufgaben übernimmt das Team genau?

Die drei Mitarbeiterinnen des Teams planen die erforderlichen Maßnahmen aus palliativer Sicht und besprechen diese mit den Bewohnern, Angehörigen, Pflegenden sowie Ärzten. Sie stehen den Pflegekräften beratend zur Seite und können jederzeit, auch nachts, telefonisch kontaktiert werden. So können sich die diensthabenden Pflegenden bei Unsicherheiten immer rückversichern. Auch nimmt das EPP-Team an der Pflege teil und erstellt Handlungsempfehlungen für mögliche Krisen.

Vorstandsmitglied des Fördervereins für Palliative Patienten-Hilfe Hanau e.V.

Wie werden die behandelnden Ärzte involviert?

Die Hausärzte sind eng in das Projekt eingebunden. Gemeinsam werden zum Beispiel Maßnahmen der Symptomkontrolle geplant oder die Bedarfsmedikation festgelegt. Auch wird vereinbart, wie in Krisensituationen zu handeln ist. Das gibt den Pflegenden vor Ort Sicherheit und erspart den Ärzten so manchen nächtlichen Einsatz.

Wie wurde das neue Team von den Pflegemitarbeitern angenommen?

Viel besser als erwartet – wir hatten mit mehr Skepsis gerechnet. Das liegt auch daran, dass die Mitarbeiterinnen des EPP-Teams ihr Wissen auf eine sehr kollegiale Weise weitergeben. Die Teams der regulären Pflege sehen das EPP-Team als das, was es sein sollte: als erforderliche Unterstützung in der palliativen Versorgung und als eine willkommene Anlaufstelle bei Fragen zur palliativen Pflege.

Welche Rahmenbedingungen braucht das EPP-Team?

Ganz wesentlich ist, dass das EPP-Team selbstständig und unabhängig vom Dienstbetrieb agiert und nicht in die reguläre Pflege eingebunden wird. Dadurch würde das Projekt sofort scheitern. Zudem muss eine telefonische Bereitschaft des EPP-Teams rund um die Uhr gewährleistet sein, damit die Pflegenden mit schwierigen Entscheidungen nicht alleine bleiben, sondern Rat und Bestätigung erhalten.

Was hat sich in der Projekteinrichtung durch das Expertenteam verändert?

Durch das EPP-Team wird der Palliativgedanke viel stärker in die Pflege hineingetragen, als es bisher durch die Palliativ-Care-Schulung Einzelner der Fall gewesen ist. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen von schwerkranken und sterbenden Bewohnern ist zudem von 8 bis 12 Einweisungen im Monat auf 2 bis 3 deutlich zurückgegangen. Auch wird der Umgang mit den palliativ zu pflegenden Menschen als viel souveräner und zugewandter erlebt. Die Erfahrungen am Pilotstandort sind aus Sicht des Trägers so positiv, dass das Projekt nun zeitnah auf alle 12 Standorte ausgeweitet werden soll.


Hinweis: Das Interview mit Herrn Klug ist zuerst erschienen in "Der Schwester Der Pfleger", Februar 2020

14.03.2020 I 09.00 – 10.00 Uhr

Volker Klug stellt die Arbeit des Expertenteams Palliative Pflege auf dem Deutschen Pflegetag in Halle 5.1 (Symposium) vor.