17.07.2020 - 09:58

Pflege digital: Bereit für die Zukunft?

Ein Artikel über die Möglichkeiten und Herausforderungen einer digitalen Pflege.

Das Gesundheitswesen liegt im Bereich Digitalisierung deutlich zurück – aber es tut sich was: Das zeigen Initiativen des Bundesgesundheitsministeriums oder innovative Ideenschmieden und Hackathons.

Die demografische Entwicklung folgt einem klaren Trend - wir werden immer älter. Diese erfreuliche Tatsache bedeutet aber auch: Es gibt mehr pflegebedürftige Menschen, ebenso nehmen Krankenhausaufenthalte zu. Und schon heute leidet das Gesundheitswesen unter einem gravierenden Mangel an Pflegefachkräften. Die Herausforderungen der Zukunft verlangen deshalb nach innovativen Lösungen – die könnten sich im Bereich der Digitalisierung finden.

Das Gesundheitswesen landet im deutschen Branchenvergleich bezüglich Digitalisierung allerdings ganz hinten. Das hat verschiedene Gründe – durch Personal- und Zeitmangel bleiben beispielsweise wenig Kapazitäten, um neue Prozesse aufzubauen und zu integrieren. Auch die Sorge um Patientendaten und die Einhaltung der Datenschutzverordnung sorgen für viel Unsicherheit.

Viel Skepsis resultiert aus dem Missverständnis, dass „Digitalisierung“ gleichbedeutend mit der Verdrängung von menschlicher Pflegezuwendung ist und stattdessen Technologien wie Pflegeroboter übernehmen. Dabei bedeutet digitalisierte Pflege vor allem, dass die Prozesse rundum digital laufen – der Kern ist und bleibt die Pflege von Mensch zu Mensch. Neue Technologien sollen diese Kernleistung vielmehr unterstützen: Wenn Routineaufgaben, interne Kommunikation oder Dokumentation technisiert ablaufen, können sich Pflegende auf das Zwischenmenschliche konzentrieren.

Der Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums

Die Experten für die Digitalisierung im Gesundheitswesen sitzen im Health Innovation Hub (hih) des Bundesministeriums für Gesundheit in Berlin. Dort werden technologische Innovationen konzipiert und Akteure vernetzt. Jan Brönneke ist zuständig für den Bereich Pflege im hih – er sieht zwei wesentliche Herausforderungen für Digitalisierungsvorhaben: 


„Zum einen bestehen durch die Struktur der Pflegeversicherung wenig Anreize einer Steigerung von Effizienz und Qualität. Die organisatorische Anbindung der Pflegekassen an die Krankenkassen, der ausgabenorientierte Finanzausgleich, der gesetzlich festgelegte Beitragssatz, die Bestimmung der Leistung nach dem Budgetprinzip und das Fehlen eines regulierten Wettbewerbs stellen unseres Erachtens echte Hürden dar. Zum anderen ist die verbandliche Organisation der Pflege nicht besonders ausgeprägt. Das erschwert die Weiterentwicklung des Systems ungemein. Auch weil die gesetzliche Grundlage fehlt, fehlen hier Gremien, die verbindliche Regeln schaffen könnten. Viele gute Ideen bleiben daher im Projekt- oder Pilotstatus auf lokaler Ebene hängen.“

Foto von Jan Brönneke, Zuständig für die Themen der Pflege beim Health Innovation Hub

Jan Brönneke , Health Innovation Hub (Foto: hih/Jan Pauls)

"Zum anderen ist die verbandliche Organisation der Pflege nicht besonders ausgeprägt. Das erschwert die Weiterentwicklung des Systems ungemein. Auch weil die gesetzliche Grundlage fehlt, fehlen hier Gremien, die verbindliche Regeln schaffen könnten. Viele gute Ideen bleiben daher im Projekt- oder Pilotstatus auf lokaler Ebene hängen.“

Jan Brönneke, Health Innovation Hub (hih)

Effekte der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie hat in vielen Lebensbereichen zu einer schnellen Zunahme an digitalen Lösungen geführt – in der Pflege hat der hih das vor allem im Bereich Kommunikation erlebt: Auch wenn Pflege auf dem physischen Kontakt vor Ort basiert, habe sich gezeigt, dass durch telepflegerische Anwendungen die Anzahl der Kontakte mit verschiedenen Personen reduziert werden kann. Insgesamt seien die Effekte aber weniger deutlich ausgeprägt als in der Krankenversorgung, in der audiovisuelle Kommunikation deutlicher im Mittelpunkt steht.

Der hih geht davon aus, dass die während der Pandemie genutzten Lösungen auch im Normalbetrieb zumindest lokal weiter erhalten bleiben. Ohne die angesprochene Veränderung des Gesamtsystems werden aber viele dieser Lösungen sich nicht dauerhaft durchsetzen. Außerdem, so Jan Brönneke, „muss man natürlich darauf achten, dass manche Effekte digitaler Lösungen zwar während einer Pandemie sinnvoll sein können, langfristig aber nicht grundsätzlich wünschenswert sind. Die Verringerung von Kontakten birgt auch das Risiko einer Vereinsamung von Pflegebedürftigen. Man kann den Nutzen digitaler Lösungen während einer Pandemie also nicht immer verallgemeinernd auf die Regelversorgung übertragen.“

Klarer Nutzen

Doch wie kann man überhaupt feststellen, ob neue Technologien Pflegekräften und -bedürftigen nutzen? Die Experten vom hih sehen gerade in diesem Punkt einen Vorteil digitaler Lösungen: Denn – gewissermaßen als Beiwerk ihrer eigentlichen Funktion – können diese auch relevante Indikatoren erheben: zum Beispiel die Veränderung von Biomarkern, aber auch subjektive Eindrücke bezüglich des Empfindens und Erlebens von Pflegebedürftigen und Pflegenden. In der Nutzenmessung von digitalen Anwendungen sieht Jan Brönneke ein wesentliches Merkmal, dass diese maßgeblich von anderen Methoden unterscheidet; Sie ermöglicht nämlich auch die kontinuierliche Anpassung an die tatsächlichen Bedarfe in der Praxis.

Innovative Power aus Deutschland

In Berlin hat sich in den letzten Jahren eine äußerst aktive und bestens vernetzte Digital Health Community entwickelt. Auf den Veranstaltungen des hih diskutiert ganz selbstverständlich die junge Digital-Health-Startup-Gründerin mit den Vorständen großer MedTech-Unternehmen und Krankenkassen, der Professorin für Medizininformatik, der Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes und MitarbeiterInnen von Behörden über Weiterentwicklungen der Systeme. Doch man blickt auch über den Berliner Tellerrand, so Jan Brönneke: „Dieser Dialog ist in Deutschland sicher einzigartig, man darf aber nicht vergessen, dass es in Deutschland eine ganze Reihe sehr vitaler Ökosysteme gibt. Viele der digitalen Lösungen, die wir uns anschauen kommen eben nicht aus Berlin, sondern aus Leipzig, Nürnberg, Düsseldorf, Heidelberg, Halle oder Osnabrück. Als hih beziehen wir daher gezielt auch andere Standorte in unsere Arbeit ein.“


Aus ganz Deutschland kommen auch die Teilnehmer des Healthcare Hackathons, den das hih im September 2019 veranstaltet hat. Dort entwickelten interdisziplinäre Teams digitale Antworten auf Herausforderungen im Gesundheitswesen. 

Viele Ideen bezogen sich auch auf Pflegethemen - ein besonderer Pluspunkt dabei ist laut Jan Brönneke, dass die Anwendungen unter Beteiligung von Fachkräften entwickelt wurden und damit ganz praktische Probleme adressieren. 

So hat sich eine App beispielsweise mit dem Problem der häufig fehlenden Zeit zur Einarbeitung neuer KollegInnen in der Krankenhauspflege befasst. Hier wurden Lehrinhalte geschickt mit dem Aufgabenmanagement der Pflege verknüpft. Ein anderes Team hat einen Algorithmus entwickelt, der cloudbasiert Schichtpläne optimiert. Darüber hinaus gab es auch Anwendungen, die sich unmittelbar auf die Versicherten oder deren Angehörigen fokussierten. Einige der Anwendungen sind auch schon tatsächlich in der Praxis – in diesem Fall im Krankenhaus – angekommen und werden zum Teil in Standardverfahren, zum Teil zumindest im Rahmen von Pilotprojekten eingesetzt.

Junge Menschen sitzen in Gruppen und entwickeln gemeinsam digitale Lösungen

Foto: hihHealthcare Hackathon Berlin 2019

Foto: hih, Healthcare Hackathon Berlin 2019

Bereit für die Zukunft

Deutschland hat sich auf den Weg Richtung Digitalisierung gemacht – auch in der Pflege. Das zeigen Plattformen wie das hih oder auch die Konzertierte Aktion Pflege des Bundesgesundheitsministeriums, die unter anderem konkrete Ziele für mehr Digitalisierung in der Pflege festgelegt hat. 

Auch der Deutsche Pflegetag beschäftigt sich vom 11. bis 12. November 2020 dank der Programmsäule „Pflege digital“ mit den Möglichkeiten der Verbindung von fachgerechter Pflege mit innovativen Technologien. Der Säulenverantwortliche Prof. Thomas Fischer (Evangelische Hochschule Dresden) verspricht spannende Einblicke: „Auf dem Pflegetag zeigen wir, welche Lösungen von Pflegenden für PatientInnen und Pflegende entwickelt werden. Und wir legen den Finger an den Stellen in die Wunde, wo die politischen Rahmenbedingungen endlich so verändert werden müssen, dass die Pflege sich umfassend an der Digitalisierung des Gesundheitsversorgung beteiligen kann.“

Ein Beitrag von Eva Hasel.

Infobox Digitalisierung im Rahmen der "Konzertierten Aktion Pflege" (KAP

Das Bundesgesundheits-, das Bundesfamilien- und das Bundesarbeitsministerium haben 2018 die Konzertierte Aktion Pflege (KAP) ins Leben gerufen. Die KAP legt Maßnahmen für eine zukunftsfähige Pflege fest. Im Bereich Digitalisierung sind das Folgende:

  • Die Kommunikation zwischen der Pflege und anderen Gesundheitsberufen soll vollständig elektronisch ablaufen.
  • Ab 1.10.2022 sollen ambulante Pflegedienste Leistungen nurnoch auf elektronischem Weg abrechnen, ab dem 1.4.2023 gilt dies auch für die häusliche Krankenpflege.
  • Telepflege soll weiterentwickelt werden.
  • TechnischeSysteme sollen unterstützen: Z.B. robotische Systeme zum Transport von Personen, intelligente Pflegewagen sowie Aufstehmelder oder Sturzerkennung).
  • Pflegekräfte werden bei der Einführung digitaler Techniken von Beginn an eingebunden, um die Akzeptanz von und den Umgang mit digitalen Hilfsmitteln zu verbessern.

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