19.12.2019 - 13:27

Interprofessionelles Arbeiten: Kompetenzen der Pflegefachkräfte stärken!

Wie sieht die pflegerische Versorgung der Zukunft aus? Politiker und Pflege-Experten setzen voll auf eine „interprofessionelle Zusammenarbeit”. Doch was gelingt diese in der Umsetzung und welche Weichen müssen gestellt werden, damit die Pflege in Deutschland den nächsten Entwicklungsschritt gehen kann? Wir haben im Interview mit Sandra Mehmecke – Pflegekammer Niedersachen – und Prof. Dr. Jürgen Osterbrink – Institut für Pflegewissenschaft und -praxis an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität – nach ihren fachlichen Einschätzungen gefragt.

 

Warum sollen die Versorgungsprozesse und Verantwortungsbereiche zwischen Ärzten und Pflegefachpersonen neu aufgestellt werden und was sind derzeitige Konflikte? 

Professor Osterbrink

"Eine nachhaltige Ausbildung muss genauso im Vordergrund stehen wie eine planmäßige Organisation von Krankenhäusern. Deshalb gilt diese Herangehensweise umso mehr in der heutigen Zeit. Die aktuellen demografischen Veränderungen und Fortschritte in der Medizin machen einen Strukturwandel der Pflege – sowohl hinsichtlich Ausbildung als auch Einsatzplanung im Krankenhaus und im extramuralen Bereich – unumgänglich. Spitzenmedizin erfordert Spitzenpflege! Vor allem die hohe Lebenserwartung gepaart mit sinkender Sterblichkeit wird die zukünftigen Krankheitsbilder nachdrücklich beeinflussen. Für die gesamtgesundheitliche Versorgung der Bevölkerung würde eine defizitäre Pflege in der Zukunft von großem volksgesundheitlichem und volkswirtschaftlichem Nachteil sein. Es ist daher notwendig, ein „zu wenig“ und ein „zu viel“ an Pflege und Betreuung zu vermeiden."

Sandra Mehmecke

"Wir diskutieren mittlerweile seit weit mehr als einem Jahrzehnt über Aufgabenverteilung und neue Rollen für nicht-ärztliche Gesundheitsberufe. Mit dem Paragraph 63 im Pflegeweiterentwicklungsgesetz des Sozialgesetzbuches V im Jahr 2008 hat die Gesetzgebung auf diese Forderungen reagiert und Pflegefachberufen in Modellprojekten die Möglichkeit eingeräumt, zum Beispiel Heil- und Hilfsmittel zu verordnen. Hochqualifizierte beruflich Pflegende könnten somit weitreichende Verantwortung übernehmen. Die Realität zeigt, dass bisher kaum ein solches Projekt umgesetzt worden ist. Die Vorbehalte und Widerstände waren offenbar noch zu groß. Jetzt gilt es, diese Vorbehalte und Widerstände abzubauen und die Profession Pflege als Partnerin auf Augenhöhe in die Pflege- und Gesundheitsversorgung einzubeziehen."

Wie sollten die Versorgungsprozesse unter Beteiligung der Pflege Ihrer Meinung nach künftig gestaltet sein und welche Bedeutung nimmt dabei die Pflege ein? 

Professor Osterbrink

"Eine Gesellschaft, die der Sorge um die Gesundheit von Menschen so große Bedeutung beimisst, muss auch einem wesentlich erhöhten Pflegebedarf und der dazugehörigen wissenschaftlichen Erforschung der Pflegesituationen und -handlungen zustimmen. In den vergangenen fast drei Jahrzehnten wurde Pflege im universitären Bereich vorwiegend soziologisch, psychologisch, gerontologisch, philosophisch, pädagogisch und selten auch theologisch betrachtet. Ein fundamentales Versäumnis!" 

Sandra Mehmecke

"Hierbei gilt: Die Diskussion um neue Kooperationsformen und Kompetenzen von Gesundheitsberufen ist nicht primär aus der Perspektive der Berufsgruppen, sondern auf Basis der Anforderungen an das Gesundheitssystem – also aus Patientenperspektive – zu führen. Vor dem Hintergrund der Zunahme chronischer Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit steigt aber der Handlungsdruck: Chronische Erkrankungen sind komplex in ihren Wechselwirkungen mit Biografie, Lebensbedingungen und Bewältigungsprozessen. Die Waage der medizinischen und pflegerischen Bedarfe neigt sich zunehmend in Richtung der pflegerischen Bedürfnisse." 

„Gute Pflege“ erfordert deshalb vielmehr eine hoch qualifizierte und universitär adaptierte Bildung gepaart mit praktischer Berufserfahrung, einen Case Mix innerhalb der Institutionen sowie einen Skill-Mix bei Pflegenden, da es sich bei der Pflege um eine theoriegeleitete Praxisdisziplin handelt. Und „gute Pflege“ ist ergebnisorientiert! Regelhaft ermittelte „patient reported outcomes” und eine darauf basierende gesundheitsökonomische Analyse unserer Leistung darf nicht die Ausnahme sein, sondern muss die Regel werden." 

"In vielen Bereichen überschneiden sich sogar die Expertisen und Fertigkeiten von Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte, Hebammen, Ergo- und Physiotherapeuten wie anderen Heilberufe. Nicht die berufsständische Besitzstandswahrung sollte dann dafür ausschlaggebend sein, welche Profession bestimmte Leistungen erbringen und verantworten darf. Sondern: Diejenige mit der entsprechenden Fachexpertise, der höchsten Handlungskompetenz und der tatsächlichen Verfügbarkeit. Professionell Pflegende behandeln Patientinnen und Patienten und stehen mit diesen in einer besonderen Beziehung zueinander, genau wie Ärztinnen und Ärzte. Das müssen wir gemeinsam im Interesse aller nutzen!" 

Thema „Eigenverantwortung, Eigenprüfung und Handlungsfähigkeit“: Wo sehen Sie Grenzen und wo die Chancen der Verantwortungsübertragung bestimmter Tätigkeiten auf Pflegefachpersonen? 

Professor Osterbrink

"Dazu kann ich nur sagen: Fürchtet Euch nicht! Zum Beispiel werden in den USA fast 60% aller Narkosen durch spezialisierte Pflegende durchgeführt. Endoskopien werden im angloamerikanischen Raum wie auch in Skandinavien in weiten Teilen durch Pflegende selbstverantwortlich geleistet. In vielen Krankenhäusern in Deutschland entstammt der sogenannte zweite Assistent im Operationssaal aus dem Pflegebereich. Die Primärversorgung medizinisch wie auch pflegerisch wird in strukturschwachen Gebieten in europäischen Ländern komplett durch Pflegende geleistet. Und dies natürlich bei gleichbleibender, teilweise besserer Qualität.     

Es wird sich in den Versorgungsstrukturen vieles ändern müssen. Panikmacher und Leichentuchwedler sind hier wirklich fehl am Platz. Schon längst befinden sich Professor Brinkmann und Oberschwester Hildegard im Ruhestand. Pflege stellt einen gewichtigen und hochqualifizierten Faktor im Gesundheitswesen und immer wichtiger werdenden Bestandteil im Heilungsgeschehen dar."  

Sandra Mehmecke

"Schon immer übernehmen Pflegefachpersonen die Verantwortung für Ihr Handeln und überprüfen die Wirksamkeit Ihrer Maßnahmen im Rahmen des Pflegeprozesses und der damit verbundenen Qualitätssicherung. Die Angehörigen der Heilberufe in der Pflege erwerben im Rahmen der Berufsausbildung und der Weiterbildungen seit jeher umfangreiche medizinisch-pflegerische Kompetenzen und sind damit auch in vielen Feldern Handlungsbereit, welche bislang – vom Sozialversicherungssystem oftmals aus abrechnungstechnischen Gründen – von ärztlichen Kolleginnen und Kollegen dominiert werden.

Kurioserweise sind es häufig Pflegefachpersonen, die jungen Assistenzärzt*innen im Krankenhaus die Ausführung zahlreicher medizinischen Interventionen vermitteln. In einem hohen Maße sind frühe Abwanderung aus den Pflegeberufen, berufliche Frustrationen oder Resignation von Pflegefachpersonen dadurch zu erklären, dass die Regelungen in unserem Sozialversicherungssystem die erworbenen Kompetenzen der Pflegefachpersonen nicht nur nicht abrufen, sondern ihnen die Performanz ihrer Kompetenzen in der Praxis sogar untersagt."

Welche grundlegenden Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach systemisch geschaffen werden, um die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen auf lange Sicht zu fördern und zu stärken, sodass die Kompetenz- und Handlungserweiterung seitens der Pflege zur Regel wird?  

Professor Osterbrink

"Beruflich Pflegende stellen die größte Gruppe im boomenden Gesundheitswesen dar und könnten umfassende erforderliche Maßnahmen in enger Zusammenarbeit mit weiteren Leistungserbringern rasch umsetzen. Das Krankenhaus als Kathedrale der Versorgung hat schon jetzt ausgedient, der Bereich außerhalb wird immer wichtiger, vor allem der Langzeit-Pflegebereich und spezialisierte pflegerische Versorgung im ambulanten Bereich müssen ausgebaut werden. Das bedingt natürlich ein Hand-in-Hand-Verfahren, eine genaue Planung von der Aufnahme zur Entlassung bis zur anschließenden Betreuung, in welcher Einrichtung auch immer. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist nicht das Allheilmittel, sondern lediglich ein Steigbügel der aber – geschickt genutzt – ein wichtiger Ansatz ist, um Versorgung und Therapien in naher Zukunft zu steuern."  

Sandra Mehmecke

"Es bedarf eines gemeinsamen Grundverständnisses des Versorgungsauftrags der Bevölkerung mit Gesundheitsdienstleistungen. Dieses erwerben die unterschiedlichen Professionen bestenfalls im Rahmen gemeinsamer Aus-, Fort- und Weiterbildungssequenzen, gemeinsamen, interprofessionellen Fallkonferenzen und einem verständigen Miteinander auf Augenhöhe. Hierzu bedarf es einer Weiterentwicklung der Hochschulstrukturen. Die Standorte der Hochschulmedizin müssen sich weiterentwickeln zu Gesundheitshochschulen mit einem integrierten Bildungscampus für alle Gesundheitsprofessionen. Dies wird mit einer weiteren Ausdifferenzierung der akademisch und beruflich qualifizierten Pflegeberufe einhergehen. Pflegefachpersonen mit Bachelor- und Masterabschluss werden u.a. Aufgaben der Versorgungs- und Pflegeprozesssteuerung übernehmen und ausgewählte Interventionen eigenverantwortlich durchführen."